Wenn Zusammenarbeit plötzlich schwierig wird
„Er fragt nie nach.“ – „Meine Kollegen sind immer so direkt.“ – „Wir haben es doch schon mehrmals erklärt.“ – „Ich weiß gar nicht, was ich falsch gemacht habe.“
Der Umgang mit Kollegen ist für internationale Auszubildende nicht immer einfach. Gerade im Arbeitsalltag entstehen viele Missverständnisse nicht durch mangelnde Motivation oder fehlende Fachkenntnisse, sondern durch unterschiedliche Erwartungen, Kommunikationsstile und Situationen unter Stress. Was für die eine Seite nur eine kurze oder direkte Reaktion ist, kann auf der anderen Seite schnell persönlich wirken.
Umgang mit Kollegen in stressigen Situationen
Ein wichtiger Punkt, den viele internationale Auszubildende erst mit der Zeit lernen, ist, Situationen im Betrieb richtig einzuordnen. Gerade an stressigen Arbeitstagen kommunizieren Kolleg:innen oft anders als in ruhigen Momenten. Wenn viel zu tun ist, ein Kunde wartet, mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt werden müssen oder Personal fehlt, wird aus einem ausführlichen „Kannst du das bitte noch einmal prüfen?“ vielleicht nur ein kurzes „Mach das bitte nochmal.“
Auch ein Kollege, der normalerweise freundlich und geduldig erklärt, kann unter Zeitdruck knapper reagieren, weniger lächeln oder sichtbar genervt sein. Für jemanden, der neu im Team ist und die Person noch nicht gut kennt, kann sich das schnell persönlich anfühlen. Der Azubi fragt sich dann vielleicht: „Ist er sauer auf mich?“, „Habe ich etwas falsch gemacht?“ oder sogar „Mag mich das Team nicht?“
Dabei muss die Reaktion gar nichts mit dem Azubi selbst zu tun haben. Vielleicht hatte der Kollege gerade ein schwieriges Kundengespräch, steht unter starkem Zeitdruck oder versucht gleichzeitig drei andere Probleme zu lösen. Wer solche Situationen nicht einordnen kann, nimmt eine kurze oder gestresste Reaktion schnell mit nach Hause und beschäftigt sich noch lange damit.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Stress jedes Verhalten rechtfertigt. Respekt sollte auch an schwierigen Arbeitstagen selbstverständlich bleiben. Aber es macht einen großen Unterschied, ob jemand grundsätzlich respektlos mit einem Azubi umgeht oder ob eine einzelne knappe Reaktion in einer stressigen Situation entsteht.
Wenn beide Seiten eigentlich dasselbe wollen
Ähnliche Missverständnisse entstehen auch bei ganz alltäglichen Erwartungen. Der Betrieb möchte zum Beispiel, dass ein Azubi nachfragt, wenn etwas unklar ist. Der Azubi hat dagegen gelernt, Vorgesetzte möglichst nicht zu unterbrechen und lieber erst einmal selbst nach einer Lösung zu suchen. Der Kollege gibt eine direkte Rückmeldung und meint damit lediglich: „Mach es beim nächsten Mal anders.“ Beim Azubi kommt jedoch an: „Ich habe etwas sehr falsch gemacht.“
Auch Eigeninitiative wird unterschiedlich verstanden. Was für einen deutschen Betrieb selbstverständlich ist – eine Aufgabe selbst erkennen, nachfragen und Verantwortung übernehmen – kann für jemanden aus einem anderen Arbeits- und Bildungssystem zunächst ungewohnt sein.
Das Schwierige daran: Von außen sieht man diese Unterschiede häufig nicht. Man sieht nur das Verhalten. Aus Zurückhaltung wird vermeintliches Desinteresse, aus Unsicherheit scheinbar fehlende Motivation und aus einer gestressten Antwort plötzlich ein persönlicher Konflikt.
Lernen, Situationen richtig zu lesen
Deshalb geht es bei guter Zusammenarbeit nicht nur darum, die richtigen deutschen Wörter zu kennen. Ein Azubi muss mit der Zeit auch lernen, den Kontext einer Situation zu verstehen: Ist mein Kollege gerade grundsätzlich unzufrieden mit meiner Arbeit oder hatte er einfach einen stressigen Moment? War die Aussage wirklich persönlich gemeint oder war sie nur sehr direkt formuliert? Sollte ich das Thema sofort ansprechen oder erst später, wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist?
Gerade diese Einschätzung ist für internationale Auszubildende am Anfang nicht einfach. Sprache, Tonfall, Körpersprache und betriebliche Abläufe müssen gleichzeitig verstanden werden. Und wer unsicher ist, interpretiert eine Situation verständlicherweise schneller negativer, als sie vielleicht gemeint war.
Genau hier beginnt unsere Rolle bei Vinzubi
Für uns endet die Begleitung nicht damit, dass ein Azubi in Deutschland angekommen ist und seine Ausbildung begonnen hat. Gerade die ersten Monate im Betrieb sind häufig die Phase, in der besonders viele solcher Fragen entstehen.
In unseren regelmäßigen Gesprächen mit den Teilnehmer:innen geht es deshalb auch um ganz konkrete Situationen aus dem Ausbildungsalltag. Ein Teilnehmer erzählt zum Beispiel: „Mein Kollege war heute sehr genervt und hat kaum mit mir gesprochen.“ Dann schauen wir nicht sofort nur auf die Frage, wer recht oder unrecht hatte. Wir versuchen zunächst zu verstehen: Was ist vorher passiert? War es ein besonders stressiger Arbeitstag? War dieses Verhalten einmalig oder passiert es regelmäßig? Wie spricht der Kollege normalerweise mit anderen im Team?
Dadurch lernen unsere Teilnehmer:innen, Situationen differenzierter zu betrachten und nicht jede negative Reaktion sofort persönlich zu nehmen. Gleichzeitig sprechen wir mit ihnen darüber, wie sie angemessen reagieren können. Manchmal ist es sinnvoll, erst einmal abzuwarten und später ruhig nachzufragen. In anderen Fällen sollte ein Problem klar angesprochen werden.
Unser Ziel ist nicht, jede Schwierigkeit für die Teilnehmer:innen zu lösen. Sie sollen lernen, selbst einzuschätzen, wann etwas einfach zum stressigen Arbeitsalltag gehört und wann tatsächlich ein Gespräch notwendig ist.
Und wenn es mehr als nur ein stressiger Moment ist?
Natürlich gibt es auch Situationen, in denen ein Problem nicht mit Zeitdruck oder einem schlechten Tag erklärt werden kann. Wenn ein Azubi wiederholt abwertend behandelt wird, dauerhaft ausgeschlossen wird oder sich bestimmte Konflikte immer wiederholen, muss genauer hingeschaut werden.
Dann können wir als zusätzliche Schnittstelle zwischen Betrieb und Teilnehmer:in unterstützen. Wir kennen den Hintergrund unserer Teilnehmer:innen, können aber gleichzeitig die Perspektive des Betriebs einordnen. Dadurch lassen sich Missverständnisse häufig früher erkennen und konkreter besprechen.
Dabei geht es nicht darum, automatisch Partei für den Azubi zu ergreifen. Interkulturelle Unterschiede oder Stress können Verhalten erklären, aber sie sind keine pauschale Entschuldigung. Das gilt für beide Seiten. Wenn ein Azubi beispielsweise wiederholt unzuverlässig ist, Feedback nicht annimmt oder unangemessen gegenüber Kolleg:innen reagiert, sprechen wir das ebenso klar an.
Gute Zusammenarbeit muss manchmal erst gelernt werden
Internationale Ausbildung bringt Menschen zusammen, die unterschiedliche Erfahrungen, Kommunikationsstile und Erwartungen mitbringen. Hinzu kommt der ganz normale Arbeitsalltag: gute Tage, stressige Tage, Zeitdruck und Situationen, in denen Menschen vielleicht nicht immer so freundlich reagieren, wie sie es eigentlich möchten.
Gerade deshalb ist es wichtig, nicht jede Situation sofort zu bewerten, sondern zuerst zu verstehen, was dahintersteckt. Gleichzeitig muss klar sein, wo die Grenze zwischen einem stressigen Moment und dauerhaft problematischem Verhalten liegt.
Genau darin sehen wir einen wichtigen Teil der Begleitung durch Vinzubi: Wir möchten unsere Teilnehmer:innen nicht nur sprachlich auf Deutschland vorbereiten, sondern ihnen helfen, den Arbeitsalltag besser zu verstehen, Situationen realistisch einzuordnen und zunehmend selbstständig mit schwierigen Momenten umzugehen. Und wenn ein Problem nicht mehr allein gelöst werden kann, bleiben wir auch für den Ausbildungsbetrieb als Ansprechpartner erreichbar.
Wie Vinzubi internationale Auszubildende nicht nur vermittelt, sondern auch während ihrer Ausbildung in Deutschland begleitet, zeigen wir in diesem Beitrag.